Deine einzige Überlebenschance: Kenne die Regeln!

Hab auf keinen Fall Sex! Trink nicht! Nimm keine Drogen! Und sag niemals „Ich komm‘ gleich wieder!“ Denn so wird es nicht sein!

Spätestens seit SCREAM kennt jeder die gängigsten Regeln von Slasher-Filmen. Auch die Grundprämisse ist jedem Fan bekannt: Ein irrer Killer macht Jagd auf junge, hübsche Frauen.
Das mag schnell abgedroschen klingen. Manchmal ist es das auch. Aber letztendlich schaut keiner Slasher aufgrund der ausgeklügelten Handlung, sondern weil sie innerhalb ihrer Konventionen Spannung erzeugen. Besonders aufregend sind natürlich gerade die Filme, die mit den bekannten Mustern spielen.

Das übermenschliche Böse

Ob Michael Myers, Jason Vorhees oder Freddy Krueger: Der Killer ist mit Abstand der wichtigste Aspekt eines jeden Slasher-Films. Viele von ihnen sind mittlerweile absoluter Kult.

Das liegt oftmals allein schon an ihrem Aussehen. Die meisten Schlitzer sind starke Hünen. Meistens wird ihr Gesicht entweder durch eine Maske oder durch geschickte Licht- und Kamera-Einstellungen versteckt. Das erzeugt Spannung, da weder die Opfer noch wir Zuschauer wissen, wer hinter der Maske steckt.

Quelle: DVD/Blu-ray Halloween: H20, Studiocanal Home Entertainment

Aber auch wenn die Identität bekannt ist (wie bei Michael Myers oder Jason Vorhees) sind einige trotzdem maskiert. Dadurch wirken sie weniger menschlich und somit noch gruseliger. Verstärkt wird dies dadurch, dass viele Schlitzer nicht sprechen, sondern vollkommen kaltblütig und stillschweigend zu Sache gehen. Es gibt aber auch Großmäuler wie Freddy Krueger. Sie schlagen nicht nur Schädel ein, sondern auch mit One-Linern um sich. Hier werden die sadistischen Gräueltaten auch noch kommentiert.

Unmenschlich wirken sie aber auch, weil sie so gut wie unverwundbar sind. Natürlich sollen sie auch in Fortsetzungen wieder Teenagermädchen meucheln. Viele der Slasher-Reihen schauen wir ja vor allem aufgrund des Killers, die Opfer sterben zum großen Teil ohnehin.

Oftmals wird dem Schlitzer eine sexuelle Komponente zugeschrieben. Ihre sexuelle Frustration zeigt sich anhand der Grausamkeit der Morde an Teenagern, insbesondere sexuell aktiven jungen Frauen. Verdeutlicht wird dies durch das favorisierte Werkzeug zum Morden: Messer, Macheten oder Freddys Messerhandschuh sind alles phallusartige Mordwaffen. Die Opfer aufzuschlitzen oder aufzuspießen ist natürlich viel grausamer, als sie einfach zu erschießen. Der Killer kommt ihnen dadurch auch näher, was den Horror für sie umso größer macht.

Obwohl die meisten Meuchler männlich sind, gibt es auch einige weibliche Ausnahmen. Im ersten FREITAG, DER 13. metztelte beispielsweise Jasons Mutter, in DÜSTERE LEGENDEN war es eine Kommilitonin des Final Girls. Chucky ist nicht einmal ein Mensch, sondern „nur“ eine Puppe. Auch SCREAM bricht mit Ghostface die Konventionen: zum ersten Mal ist es nicht nur ein Irrer, sondern gleich zwei, die sich die Geheimidentität teilen. In den späteren Teilen der Reihe wird mit dem Bruch dieser Konvention gespielt. Hier fragt sich der Zuschauer nicht mehr nur, wer hinter der Maske steckt. Wir fragen uns, wie viele Killer es überhaupt sind.

Quelle: DVD/Blu-ray Scream 3, Studiocanal Home Entertainment

Natürlich ist es nicht nur die sexuelle Frustration, die einen Schlitzer antreibt. In den meisten Slasher-Filmen kommt es am Schluss zum großen Showdown zwischen dem Killer und dem Final Girl. Das ist auch häufig der Moment, wenn Identität und Motiv des Killers enthüllt werden. In einer langen, dialogstarken Szene offenbart der Killer seine Beweggründe.

Als Zuschauer fragt man sich dabei oft, warum der Killer dem Mädchen lieber ein Ohr abkaut als ihr den Kopf abzuschlagen. Damit gibt er ihr immerhin die Möglichkeit, zu entkommen. In vielen Fällen ist das übliche Motiv ohnehin Rache und somit wenig schockierend. Uns Zuschauern wird mit diesem klischeehaften Motiv auch die Spannung genommen. Denn gerade die Mörder mit ausgefallenen Motiven faszinieren uns viel mehr.

Am interessantesten ist es ohnehin, wenn wir die Gründe für das Meucheln gar nicht kennen. Billy Loomis hat sicherlich nicht Unrecht, wenn er in SCREAM behauptet, dass es viel gruseliger ist, wenn es gar kein Motiv gibt. Ein Michael Myers wäre als Quasselstrippe viel weniger furchteinflößend. Gerade weil er nicht spricht und wir so wenig über ihn wissen, fasziniert er uns.

Stärker als der Tod

Egal wie blutrünstig ein Schlitzer auch sein mag, an dieser Art von Mädchen scheitern sie alle: dem Final Girl, dem letzten Opfer, auf das der Killer Jagd macht.

Quelle: DVD/Blu-ray Halloween, Concorde Home Entertainment

Sie ist das Gegenbild der sexy Cheerleaderin und ein anständiges Mädchen mit einfachem Look: Zumeist brünett, trägt sie ihr Haar offen. Sie schminkt sich nicht und kleidet sich eher schlicht. Also ein waschechtes Mauerblümchen.

Das Final Girl wird allerdings deutlich charakterstärker als die anderen Figuren (mit Ausnahme des Killers) gezeichnet. Sie ist nicht nur gewitzter als ihre Freunde, sondern auch mutiger. Dadurch entgeht sie dem Killer in brenzligen Situationen eher als die anderen Opfer. Vor allem aber hält sie sich fern von Alkohol und Drogen.

Ein wichtiger Aspekt ist natürlich auch, dass sie noch Jungfrau ist. Denn wer Drogen nimmt und Sex hat, stirbt in Slasher-Filmen mit ziemlicher Sicherheit. Anständig zu sein zahlt sich in Schlitzerfilmen offenbar aus. Den Killer selbst interessiert das aber wenig, immerhin will er auch ihr ans Leben. Doch egal ob Lorie, Sidney oder Jess – das Final Girl muss nicht gerettet werden. Sie stellt sich der Gefahr, überwindet ihre Angst und tritt dem Meuchler am Ende als ebenbürtige Gegnerin entgegen.

Damit vermischt das Final Girl den Figurentyp der Jungfrau in Nöten mit dem des Retters oder Detektivs. Das Weibliche wird stark dargestellt und siegt schließlich über das Männliche.

Quelle: DVD/Blu-ray Scream 4, Studiocanal Home Entertainment

Gerade Final Girl-Konventionen werden gerne gebrochen. In MY SOULD TO TAKE ist beispielsweise ein Mann der letzte Überlebende, in ICH WEISS, WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST sogar ein Pärchen. SCREAM hat nicht nur die Regel gebrochen, dass das Final Girl Jungfrau sein muss. Immerhin schläft Sidney im Laufe des Films mit einem der Killer. Auch überlebt sie sämtliche Fortsetzungen, obwohl es ebenfalls als Konvention gilt, dass das Final Girl spätestens dann das Zeitliche segnet.

Der Horror macht vor niemandem Halt

Im Zentrum der Morde steht eine Gruppe von stereotypischen Teenagern. Neben dem Final Girl gibt es die hübsche, blonde Cheerleaderin. Diese ist sexuell aktiv und mit einem gutaussehenden Sport-Ass zusammen. Sie gehört häufig zu den ersten Opfern des Killers. Ihr Freund muss zumeist als nächstes dran glauben. Die Chancen stehen auch gut, dass der Killer sie beim Sex erwischt und ihnen direkt den Garaus macht. Denn wenn ein Slasher-Killer mit etwas nicht klar kommt, ist es ein sich paarendes Teenager-Pärchen.

Quelle: DVD/Blu-ray Scream, Studiocanal Home Entertainment

Zur Clique gehören standardmäßig auch die populäre Prom-Queen, der Kiffer, ein Außenseiter (z.B. Goth) und der Nerd. Letzterer wird seit SCREAM gerne als Horror-Film-Fan dargestellt. Wegen seiner Obsession für das Thema fungiert er oft auch als Red Herring für den Killer.

In älteren Produktionen war es auch üblich, einen einzigen „Quoten-Schwarzen“ mit in die Gruppe zu integrieren. Mittlerweile ist das Thema „Diversity“ aber zum Glück auch in diesem Genre angekommen.

Das oft zitierte Klischee, dass Farbige immer die ersten Opfer in Slasher-Filmen seien, trifft übrigens nicht zu. Auch wenn ihre Aussicht zu überleben nicht allzu groß ist, sind sie in den wenigsten Fällen (z.B. SCREAM 2) wirklich die ersten Opfer des Schlitzers.

Erwachsene sind in Schlitzerfilmen dagegen rar gesät. Das Filme werden nicht umsonst oft als „Teen-Slasher“ bezeichnet.

Die Eltern der zentralen Charaktere sind seltsamerweise nie an Ort und Stelle, wenn ein Irrer auf Meuchel-Tour geht. Auch andere Autoritätspersonen erweisen sich grundsätzlich nicht als Hilfe. Lehrer oder Polizisten glauben den Teenagern entweder nicht oder werden selbst vom Killer aufschlitzt. Die Kids müssen also ohne Erwachsene klar kommen – was leider nicht allzu gut funktioniert.

Quelle: DVD/Blu-ray Halloween, Concorde Home Entertainment

Einige wenige nennenswerte Ausnahmen brechen natürlich auch diese Regel. Der Psychiater Sam Loomis aus HALLOWEEN oder Deputy „Dewey“ Riley aus SCREAM sind wohl die bekanntesten.

Der Tod lauert im eigenen Haus

Die Handlung von vielen Slasher-Filme ist zweigeteilt: Die Entstehungsgeschichte des Killers spielt in der Vergangenheit. Dies wird oftmals in Flashbacks gezeigt. Die eigentliche Handlung spielt in der Gegenwart.

Seit BLACK CHRISTMAS ist es Slasher-Konvention, dass der Killer an einem bestimmten Tag auf Meuchel-Tour geht. Der gesamte Kalender ist mittlerweile abgedeckt: Neujahr, Valentinstag, St. Patrick’s Day, der 1. April, Muttertag, der Amerikanische Unabhängigkeitstag, Freitag, der 13., Halloween, Weihnachten…

Wer an einem dieser Tage jemandem einen Grund zum Morden gegeben hat, sollte in den Folgejahren besser zu Hause bleiben.

Das gilt allerdings nicht, wenn das Haus in einer ruhigen Vorstadtsiedlung steht. Dort metzeln Killer nämlich am liebsten. Ebenso in High Schools oder Universitäten. Eine ganz schlechte Idee ist es auch, das Haus des Schlitzers auszusuchen. Denn der kommt gern an den Ort zurück, an dem der Grundstein für seine Mord-Lust gelegt wurde. In vielen Slasher-Filmen findet genau hier das spektakuläre Finale zwischen Killer und Final Girl statt.

Quelle: DVD/Blu-ray Scream, Studiocanal Home Entertainment

Tagsüber kann man sich übrigens relativ unbehelligt auf die Straße trauen. Slasher-Mörder richten ihre Beutezüge nämlich äußerst gern nachts aus. Hier wird mit einer grundsätzlichen Angst vor dem Dunkeln gespielt.

Generell sind Slasher-Filme vermehrt in einem gewöhnlichen Setting angesiedelt. Also an Schauplätzen, die den Protagonisten Geborgenheit vermitteln sollen. Uns Zuschauern natürlich auch. Denn der Horror wirkt umso stärker, wenn man sich selbst an solchen Orten nicht mehr sicher fühlen kann.

Die bekannten Konventionen werden sicherlich auch in künftigen Schlitzerfilmen beibehalten. Und gebrochen. Und dann wieder doch nicht. Denn gerade dann wird es spannend: Wenn etwas Unerwartetes von uns erwartet wird und der Film mit unseren Erwartungen spielt.

Quelle Header: DVD/Blu-ray Halloween: H20, Studiocanal Home Entertainment