Das Dunkle in uns: Mädchenmetzeln aus Killersicht

Schauerliche Pianomusik. Eine abgelegene Wohngegend. Die Dunkelheit der Nacht. Eine Gestalt im Schatten. Das kann nur Michael Myers sein. Wenn sich der Killer mit der weißen Maske auf Opferjagd macht, stellen sich uns die Nackenhaare auf.

Selbst Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung lässt John Carpenters HALLOWEEN – DIE NACHT DES GRAUENS das Publikum noch immer erschaudern. Der Schocker von 1978 gilt als der Slasher-Film schlechthin und Ur-Vater des Genres. 

Der Slasher-Film gehört zu den populärsten Unter-Kategorien des Horror-Genres. Worum es in den meisten Slashern (oftmals auch Teen-Slasher genannt) geht, ist allseits bekannt: ein (zumeist maskierter) Killer macht Jagd auf junge, hübsche Frauen und meuchelt sie auf bestialische Art und Weise.

Dieses Motiv wurde schon im 1932 erschienen THIRTEEN WOMEN gezeigt. Der Kriminalfilm von George Archainbauds ist gespickt mit Horror-Elementen und schildert zum ersten Mal eine Serie von systematischen Morden an jungen Frauen. THIRTEEN WOMEN gilt daher als erster Wegbereiter des Slasher-Genres.

Zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs hielt sich das Interesse der Kinobesucher an Horrorfilmen jeglicher Art verständlicherweise in Grenzen. Daher dauerte es eine Weile, bis sich die Studios wieder an derartige Themen herantrauten.

Erst 1960 erschien mit Michael Powells AUGEN DER ANGST (PEEPING TOM) der nächste Vorreiter des Slasher-Films. Darin lauert ein Kameramann (gespielt von Karl-Heinz Boehm aus den SISSI-Filmen) jungen Frauen auf, um die Angst in ihrem Blick zu filmen, während er sie umbringt. Das bekannte Motiv wird hier durch die Machart verstärkt: indem der Film den Fokus auf den Killer legt, verschiebt sich die subjektive Wahrnehmung der Zuschauer. Wir werden selbst zu Voyeuren und somit zu Komplizen des Mörders.

 

PSYCHO: Der Horror sitzt im Kopf

Im selben Jahr erschien auch Alfred Hitchcocks Meisterwerk PSYCHO. Obwohl es sich bei PSYCHO viel mehr um einen Thriller handelt, gilt er als das vielleicht wichtigste Slasher-Vorbild überhaupt. Das liegt vor allem an Hitchcocks Fähigkeit, mit seinen Zuschauern zu spielen.

Quelle: DVD/Blu-ray Psycho, Universal Pictures

Jeder von uns kennt die berühmte Duschszene, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt: unterlegt von schriller Streichermusik sticht Norman Bates’ wahnsinnige Mutter kaltblütig auf Marion Crane ein. Trotz aller Grausamkeit wird die Gewalt dank genialer Schnitte nicht explizit gezeigt. Sie entsteht viel mehr in unseren Köpfen.

Mit dieser Szene schafft es Hitchcock, sein Publikum völlig auf der Bahn zu werfen. Das perfekte Zusammenspiel aus Schockeffekten, Schnitt und Musik erzeugt einen wahren Horror-Moment und einen Plot-Twist, den man zuvor so nicht kannte. Während wir anfangs davon ausgehen, dass Janet Leigh die Hauptfigur des Films spielt, wird jetzt der Fokus auf Norman Bates gelegt. Und genauso zwiegespalten wie der Charakter selbst ist auch unser Verhältnis zu ihm. Einerseits bemitleiden wir ihn als armes Muttersöhnchen. Andererseits ist er uns unheimlich. Zu Recht, wie sich im Finale des Films herausstellt. Denn Bates selbst ist der Schlitzer von Marion Crane, verkleidet als seine Mutter.

Quelle: DVD/Blu-ray Psycho, Universal Pictures

Hitchcock fungiert bei PSYCHO als Meister der Manipulation. Die Zuschauer sind seine Marionetten, er der Strippenzieher. Dieses Spiel mit dem Publikum wurde später von zahlreichen Regisseuren versucht. Die wenigsten reichen dabei allerdings an Hitchcock heran.

Das italienische Giallo-Genre diente ebenfalls als Inspirationsquelle späterer Slasher-Regisseure. Mario Bava begründete dieses Genre mit Filmen wie THE GIRL WHO KNEW TOO MUCH (LA RAGAZZA CHE SAPEVA TROPPO, 1963) oder BLUTIGE SEIDE (SEI DONNE PER L’ASSASSINO, 1964).
Bei Giallo-Filmen handelt es sich um Mystery-Thriller, die Elemente der Detektivgeschichte mit Erotik und schockierenden Horror-Szenen vermischen. Inhaltlich orientieren sie sich am bekannten Motiv des maskierten Serienkillers, der ritualisierte Morde an attraktiven jungen Frauen begeht. Der Fokus liegt aber ganz klar auf der Inszenierung der Mordszenen. Diese sind besonders kreativ und brutal in Szene gesetzt. Der Gore-Faktor ist also extrem hoch.

1974 erschien mit BLACK CHRISTMAS schließlich der erste richtige Slasher-Film. JESSY – DIE TREPPE IN DEN TOD, so der deutsche Titel, schildert einmal mehr das reihenweise Morden junger Frauen durch einen unbekannten Irren.

Der Film von Bob Clark führt aber auch neue Motive ein, die seitdem zum Standard-Repertoire des Slasher-Genres gehören: Durch Point-of-View-Shots aus der Sicht des Killers fühlen sich die Zuschauer direkt in ihn hineinversetzt. Wir betrachten das Geschehen also durch seine Augen. Die Komplizenschaft mit dem Täter, wie man sie schon aus PEEPING TOM und PSYCHO kennt, wird dadurch noch einmal verstärkt.
Die Identifizierung wechselt allerdings im Laufe des Films zur Protagonistin Jess. Sie entwickelt sich vom Opfer zur Heldin und ist somit Vorbild für das Topos des „Final Girls“.
Wie im Titel schon andeutet, führt BLACK CHRISTMAS außerdem die Genre-Konvention ein, dass die Handlung an einem bestimmten Feiertag spielt.

Im selben Jahr erschien mit THE TEXAS CHAIN SAW MASSACRE ein weiterer Slasher-Klassiker. Tobe Hoopers Film dreht sich um eine Familie von sadistischen Kannibalen, die eine Gruppe von Teenagern meuchelt.
Diesmal meuchelt nicht nur ein einzelner Schlächter, sondern eine ganze Familie. Dennoch steht klar der Kettensägen schwingende Leatherface im Zentrum. Mit seiner Maske aus zusammengenähten Hautresten seiner Opfer ist er eine echte Ikone des Horror-Films.

THE TEXAS CHAIN SAW MASSACRE schockte damals nicht nur Kritiker und Behörden, sondern auch das Publikum wegen seiner Gewaltdarstellung.
Aus heutiger Sicht wirken die Gewaltszenen nicht allzu krass, da die Brutalität nicht explizit gezeigt wird. Viel mehr spielt sich die Gewalt, ähnlich wie bei PSYCHO, in den Köpfen der Zuschauer ab. Der generell dreckige Look des Films und der Hinweis, dass sich dabei um wahre Begebenheiten handeln würde, unterstützen diesen Effekt. Dadurch hinterfragen wir unsere eigene Faszination an solchen Filmen und der darin enthaltenen Grausamkeit. Wir fühlen uns schuldig, dass wir solche Filme überhaupt anschauen.

 

HALLOWEEN: Der Killer mit der Maske

Im Oktober 1978 erschien mit John Carpenters HALLOWEEN der Klassiker des Genres schlechthin.  Carpenters Schlitzerfilm begeisterte die Massen und löste einen regelrechten Slasher- und Horror-Boom aus. Dabei erfand Carpenter das Rad nicht neu. Ihm gelang es aber, aus bisherigen Motiven eine perfekte Einheit zu erzeugen. Sein Schlitzer Michael Myers steht dabei für das Slasher-Genre wie keine andere Figur.

Quelle: DVD/Blu-ray Halloween, Concorde Home Entertainment

Der kaltblütige Michael ist noch ein Kind, als er seine Schwester mit einem Küchenmesser umbringt. Jahre später bricht er aus der Psychiatrie aus, um in seiner Heimatstadt Haddonfield weiter zu metzeln.Myers gehört zu den erschreckendsten Horror-Gestalten überhaupt: Der maskierte Hüne spricht nicht und bewegt sich grundsätzlich mit geringem Tempo. Das unterstreicht seine Kaltblütigkeit. Er mordet nicht im Affekt, sondern ganz bewusst und unbeirrt. Hinzu kommt, dass wir nichts über Michaels Motive oder Gedanken wissen. Das macht ihn umso unheimlicher.

Wenn der Killer mit dem Beinamen „The Shape“ auftaucht, sieht man größtenteils nur seine Silhouette in der Dunkelheit der Nacht. Dadurch schafft es Carpenter, den „schwarzen Mann“ zu einer allgegenwärtigen Bedrohung zu machen. Denn selbst wenn er nicht auftritt, hat man das Gefühl, dass er in der Nähe ist. All dies trägt zu unser Faszination für Michael Myers bei.

Wie bereits in Vorgänger-Werken sehen wir mit Hilfe von Point-of-View-Shots mit den Augen des Meuchlers. Carpenter unterstreicht die optische Ebene dabei mit Michael starker Atmung. Wir spüren regelrecht Michaels Erregtheit, wenn er sich seinem Ziel nähert. Ein unbehagliches Gefühl, denn einerseits wollen wir mehr über Myers wissen, andererseits keinesfalls auf einem Level mit dem Monster sein.

Carpenters Fokus liegt aber nicht ausschließlich auf Myers. Ein weiteres Highlight des Films ist Final Girl Jodie Foster als Laurie Strode. Im Gegensatz zu ihren sexuell aktiven Freundinnen ist Laurie ein einfaches Mädchen, noch Jungfrau und zudem strebsam. Also das perfekte Mädchen von nebenan. Doch dieses unschuldige Mauerblümchen mutiert zur starken Heldenfigur, die es nicht nur schafft, Michael zu entkommen, sondern es sogar mit ihm aufnimmt. Durch ihre charakterstarke Darstellung erhielt Jodie Foster von Horror-Fans den Titel „Scream Queen“ und ist bis heute das Paradeexemplar des Final Girls.

Auch musikalisch sorgt Carpenter für Gänsehaut. Das berühmte HALLOWEEN -Thema stammt vom Regisseur höchstpersönlich. Die Pianomelodie ist ebenso eingängig wie verstörend und fügt sich damit perfekt in das Gesamtbild ein. 

All dies und noch mehr macht HALLOWEEN zum Über-Slasher, er gilt daher zu Recht als Prototyp des Genres.

HALLOWEEN war an den Kinokassen so erfolgreich, dass er einen richtigen Horror-Boom auslöste. Gerade in den 80ern gaben sich die Massenmörder die Klinge in die Hand.

Die wichtigsten Filme aus dieser Zeit waren Sean S. Cunninghams FREITAG, DER 13. FRIDAY, THE 13TH, 1980), Wes Cravens NIGHTMARE – MÖRDERISCHE TRÄUME (A NIGHTMARE ON ELM STREET, 1984) und CHUCKY, DIE MÖRDERPUPPE (CHILD’S PLAY, 1988).

All diese Slasher waren so erfolgreich, dass sie mehrere Fortsetzungen nach sich zogen und mittlerweile absoluten Kult-Status genießen. Sie waren zwar nicht besonders innovativ, aber dafür umso brutaler. Denn das Publikum wollte immer noch krassere Metzelszenen und bekam diese auch serviert. Auch die Killer wurden immer grotesker: Jason Vorhees, der Schänder mit der Hockey-Maske, wurde zwar erst im zweiten Teil der FREITAG, DER 13.-Reihe aktiv. Er ist aber mittlerweile genauso kultig wie die Killerpuppe Chucky oder Freddy Krüger aus NIGHTMARE, der seinen Opfern im Traum auflauert. Gerade die beiden Letztgenannten waren nicht nur besonders grausam. Sie brachten auch noch bitterbösen Humor in das Slasher-Genre. Der Boom verhalf auch PSYCHO und HALLOWEEN zu Fortsetzungen, die aber alle nicht die Originale heranreichten.

Da die Fortsetzungen der Slasher-Hits immer schlechter wurden, war das Genre in den 90ern genauso tot wie die vielen Teenager-Mädchen, die in den Filmen aufs Brutalste gekillt wurden.

 

SCREAM: Slasher wird Kult

Erst 1996 kam erneut die Wende. Freddy Krueger-Schöpfer Wes Craven brachte mit SCREAM – SCHREI einen neuen Slasher-Hit in die Kinos. SCREAM brachte nach alle den Jahren des immer gleichen Themas endlich frischen Wind in das Genre.

Quelle: DVD/Blu-ray Scream Uncut, Studiocanal Home Entertainment

Denn der Film nach dem Drehbuch von Kevin Williamson (DAWSON’S CREEK, THE VAMPIRE DIARIES) ist sich seines Erbes vollkommen bewusst. Zum ersten Mal beziehen sich die Charaktere auf frühere Horrorfilme. Ja, der Horrorfilm wird geradezu zelebriert. Dabei werden die Konventionen dieser Filme nicht nur zitiert, sondern vor allem auch kommentiert, persifliert und gebrochen. Die Identifikation mit den Charakteren aus SCREAM ist daher enorm hoch. Denn sie sind ebenso große Filmfans wie wir. Sie kennen die gleichen Filme wie wir auch.

Dazu kommen die drei Hauptcharaktere Sidney Prescot, Gale Weathers und Dewey Riley. Während in Slasher-Filmen zuletzt mehr Fokus auf den Killer gelegt wurde, stehen nun die Opfer im Mittelpunkt und tragen die Handlung. Der Killer ist austauschbar. Mit all seinen Verweisen und Brüchen von bestehenden Slasher-Konventionen und -Motiven gelingt es Craven, das Genre wiederzubeleben und ihm neuen Anstrich zu verpassen.

SCREAM löste ein regelrechtes Slasher-Revival aus, das Filme wie ICH WEISS, WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST (I KNOW WHAT YOU DID LAST SUMMER, 1997) oder DÜSTERE LEGENDEN (URBAN LEGEND, 1998) hervorbrachte. Im Gegensatz zu SCREAM fehlte diesen allerdings die Innovation. Dennoch waren sie so erfolgreich, dass sie mehrere Fortsetzungen bekamen.

Seitdem tat sich im Slasher-Genre leider relativ wenig. Das neue Jahrtausend glänzte weniger mit Neuerungen, als immer wieder neuen Aufgüssen bekannter Filme. HALLOWEEN, FREITAG, DER 13., THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE und A NIGHTMARE ON ELM STREET erhielten alle Remakes. Diese reichten allerdings allesamt nicht an die Originale heran. Auch Wes Craven versuchte mit SCREAM 4 vergeblich, das ehemals beliebte Franchise wieder aufleben zu lassen. Der Film flog sowohl bei der Presse als auch beim Publikum durch. Auch der Versuch, aus SCREAM ein erfolgreiches Serien-Format zu machen, scheiterte und sollte der bisher letzte Sargnagel des erneut zu Tode gekommenen Genres sein.

Aber wer weiß, vielleicht wartet ja gerade in diesem Moment ein neuer Schlitzer darauf, uns Zuschauern wieder das Fürchten zu lehren…

Quelle Header: DVD/Blu-ray Halloween, Concorde Home Entertainment